Eröffnungskonzert im Merseburger Dom

Große Ladegast-Orgel 1853-55/1866 (4 Manuale, Pedal, 81 Register)
und Kleine Ladegast-Orgel 1850 (1 Manual, Pedal, 10 Register)  
FELIX FRIEDRICH – Schlossorganist zu Altenburg

Die große Ladegast-Orgel im Merseburger Dom

Mit ihrem um 1700 von Zacharias Theißner geschaffenen, zwischen den Domwesttürmen bis an das Gewölbe aufgetürmten prachtvollen Barockprospekt beherrscht sie die spätgotische Langhaushalle. Das Monogramm des „Geigenherzogs“ Moritz Wilhelm (1712-31) weist auf einen erweiternden Umbau durch Johann Friedrich Wender aus Mühlhausen hin, nach dem diese Orgel bei ihrer Weihe 1717 bereits über 4 Manuale mit 66 Registern verfügte. Der langjährige Merseburger Domorganist Wilhelm Schneider (1824-1843) hielt seine Domorgel, deren Reparaturkosten bis zu seiner Zeit bereits das Zweieinhalbfache der Herstellungskosten überschritten hatten, freilich für ein „von Anfange sehr irregulair angelegtes Orgelwerk“ und war, wie seine Nachfolger August Gottfried Ritter (1844-1847) und insbesondere David Hermann Engel (1847-1877), um eine nachhaltige Verbesserung bemüht. Auf seinen Vorschlag, so Engel,  wurde die Erneuerung dieses „Riesenwerks“ einem „jungen, damals allerdings noch wenig bewährten Meister“ anvertraut, dessen Umbauvorschlag „bei außerordentlicher Billigkeit, zugleich der  umfassendste“ unter den eingereichten Angeboten war und der sich ihm vor allem durch „die außerordentliche Solidität und künstlerische Tüchtigkeit … bei dem Bau von zwei kleineren Landorgeln in hiesiger Gegend“ empfohlen hatte: Friedrich Ladegast aus Weißenfels, den dieser Orgelbau berühmt machen sollte.
Ladegast baute 1853 bis 1855 in das alte Barockgehäuse ein völlig neues Werk, das bei mechanischer Traktur mit Schleifladen in 81 Registern nunmehr insgesamt fast 5700 Pfeifen und das alte Stahlspiel enthielt – seinerzeit eine der größten Orgeln in Deutschland. Er mußte dabei 26 ältere Register übernehmen, ersetzte diese aber mit Ausnahme des Stahlspiels und der Schallmey 8’ im Oberwerk in Verfolgung seiner eigenen Klangvorstellungen 1866 im Selbstauftrag ebenfalls durch neue Register.
Franz Liszt nahm am Bau dieses orgel- und musikgeschichtlich bedeutsamen Instruments, der ersten romantischen Großorgel Mitteldeutschlands, lebhaften Anteil und ließ sich durch sie zu seinen bedeutendsten Orgelwerken anregen. Die Orgelweihe am 26. September 1855 stieß auf ein begeistertes Echo. Neben den Kompositionen von Liszt selbst ist vor allem die an dieser Orgel 1857 uraufgeführte große Sonate seines jung verstorbenen Schülers Julius Reubke zu nennen. Eine umfassende Restaurierung 2001-2004 durch die Werkstätten Eule, Scheffler und Wegscheider gab der großen Orgel ihr Ladegastsches Klangbild von 1866 zurück.
Durch Ladegast und Liszt in besonderer Weise ein authentisches Instrument für die romantische Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, blieb auch diese Orgel in ihrer großartigen Klangvielfalt mit ihrem gleichsam barocken Baßfundament wie in ihren relativ wenigen, aber exzellenten Zungenregistern ebenso ein Konzertinstrument von höchstem Rang für die ältere Orgelliteratur wie für modernere Orgelkompositionen. Sie kann für italienische Musik italienisch, für französische Musik französisch klingen – ob Rameau oder Messiaen ... Hier muß noch immer Franz Brendel zitiert werden, der diese Orgel bereits zur Weihe 1855 unübertroffen charakterisierte,  und sein Urteil fast gleichlautend auch noch 1867 in der 4. Auflage seiner „Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich“ wiederholte:
 „Der Charakter dieses Werkes unterscheidet sich wesentlich von dem aller anderen Orgeln, ich möchte sagen: er sei moderner. An Kraft und Fülle, beim Gebrauch des vollen Werkes, kommt sie wohl den besten gleich. Einzig in ihrer Art aber ist sie in den sanfteren Stimmen. Es ruht ein Wohllaut, ein Schmelz darin, wie ich ihn bei anderen Orgeln noch nicht gehört. Der Klang ist, um die Hauptsache mit einem Worte zu bezeichnen, poetischer Natur. Es ist eine bezaubernde Mannigfaltigkeit der Stimmen darin und diese Vorzüge werden noch unterstützt durch die Möglichkeiten des Crescendo und Decrescendo. So muß dieses Instrument vor allem als geeignet erscheinen, der bezeichneten Richtung als Grundlage zu dienen […].“

Die kleine Ladegast-Orgel im Merseburger Dom

Sie ist das älteste erhalten gebliebene Werk aus Ladegasts Weißenfelser Werkstatt: „Vollendet am 27. Nov. 1850 […] Orgelbauer Ladegast aus Weißenfels“, wie eine Bleistiftinschrift in der einmanualigen Orgel bezeugt – ein handwerklich hervorragend gebautes kleines Instrument von hohem künstlerischem Wert, dessen Prospekt dem der ersten überhaupt von Ladegast geschaffenen Orgel in Tanneberg von 1838 ähnelt. Sie stammt aus der aufgegebenen und in Verfall begriffenen Dorfkirche Raschwitz, aus der das in kritischem Zustand befindliche, durch starken  Holzwurmbefall bereits erheblich geschädigte Instrument 1992 auf Veranlassung der Denkmalschutzbehörde geborgen und mit Unterstützung des Freundeskreises Musik und Denkmalpflege in Kirchen des Merseburger Landes unter Rekonstruktion des Zinnprospekts restauriert wurde (Fa. Rösel & Hercher / Saalfeld, Gehäuserestaurierung Hans Rothe / Burgliebenau). 1993 in der Michaeliskapelle am Merseburger Domkreuzgang feierlich eingeweiht und auch erstmals in den „Orgelsommer im Merseburger Land“ einbezogen, wurde es 2001, zunächst nur für die Restaurierungszeit der großen Orgel, als Interimsinstrument im südlichen Domseitenschiff aufgestellt. Dort aber entfaltete es mit seinen nur 10 Registern selbst in diesem ungleich größeren Raum eine erstaunliche Klangfülle, so daß es dort verbleiben sollte.
Wie andere frühe Instrumente Ladegasts bezeugt die kleine Orgel seine Verwurzelung in der mitteldeutschen Orgeltradition, die sich in der klassischen Disposition mit der für ihn typischen Dominanz der Achtfußregister und dem gravitätischen Klang mit seinem kräftigen Prinzipalchor widerspiegelt. Die kleine Dorfkirchenorgel ist im Merseburger Dom ein beeindruckendes Zeugnis für das Können des jungen Meisters, als er, noch weithin unbekannt, auf Fürsprache des damaligen Domorganisten und königlichen Orgelrevisors David Hermann Engel den Auftrag zur Erneuerung der großen Domorgel erhielt. Ihre Disposition:

Manual
Principal  8’
Flöte  8’
Gambe  8’
Gedackt  8’
Principal  4’
Fl. Minor  4’
Octave
Scharf 2fach

Pedal
Subbaß  16’
Violon  8’

Pedalkoppel


Zurück